Schöpfung

Falscher Gegensatz

Leserbrief: Wie die Biologen den Kreationisten in die Hände spielen

 

Seit einiger Zeit verfolge ich in der Frankfurter Rundschau die Diskussion um Schöpfungslehre und Evolutionstheorie als Unterrichtsgegenstand im Fach Biologie an hessischen Schulen. Vor einiger Zeit hat Kultusministerin Wolff einen wie ich finde salomonischen Kommentar dazu abgegeben, indem sie erklärte, die Schöpfungslehre solle durchaus auch im Biologieunterricht gelehrt werden. In der Frankfurter Rundschau vom 31.10. kam nun der Verband deutscher Biologen gemeinsam mit Mitgliedern der Grünenfraktion aufgrund einer dpa Meldung zu Wort. Hier wurde nun gefordert, dass Schöpfungslehre nichts im Biologieunterricht zu suchen habe.

Dieser Vorstoß der Grünen und der Biologen spielt allerdings christlich-fundamentalistischen Kreationisten in die Hände, weil er den von diesen postulierten Gegensatz von Evolutionstheorie und Schöpfungsgeschichte bestätigt.

Wer genauer hinsieht und die theologischen Erkenntnisse über die Schöpfungsgeschichte beachtet wird zu anderen Schlüssen kommen müssen, was übrigens der größere Teil der Pfarrer und Religionslehrer bei der Behandlung der Schöpfungslehre im Religionsunterricht längst tut. Dort spielt die Evolutionstheorie nämlich schon deshalb eine erhebliche Rolle, weil sie hilft den ersten Schöpfungsbericht zu verstehen. Dieser wurde nämlich als wissenschaftliche Antithese gegen den babylonischen Mythos von der Weltentstehung geschrieben. Er spiegelt daher den Stand der Naturwissenschaft vor 2500 Jahren wieder. So findet man gerade im ersten Schöpfungsbericht erste Ansätze der dann erst 2500 Jahre später wissenschaftlich neu untermauerten Evolutionstheorie wieder. Eine historisch kritische Lektüre der Bibel, wie sie die evangelische Theologie seit 200 Jahren betreibt hat dies schon längst ans Tageslicht gefördert und das ist Gegenstand eines aufgeklärten Religionsunterrichtes. Höchste Zeit also, dass sich auch Biologen in diesen Diskurs zwischen Theologie und Naturwissenschaft einbringen. Anstatt Gegensätze an Stellen aufzubauen, wo es sie schon längst nicht mehr geben dürfte und damit den Fundamentalismus zu fördern.

Matthias Welsch (Pfarrer, der Religionsunterricht in Klasse 11 erteilt)

 

Leserbrief an die Evangelische Kirchenzeitung, zur Ausgabe 29 vom 22. Juli 2007
und für Gockel.info, Ausgabe August/September 07

Biologie und Religion sind kein Gegensatz!

Als ich vor etwa 25 Jahren einen Biologieleistungskurs in der Schule besuchte war es ganz selbstverständlich, dass wir die naturwissenschaftliche Schöpfungslehre auch mit fundamentalistischen Bibelinterpretationen im Biologieunterricht konfrontiert haben. Die entbrannte politische Diskussion darüber, ob die Schöpfungsgeschichte Gegenstand im Biologieunterricht sein kann oder nicht, erstaunt und wundert mich.

Die Auseinandersetzung mit diesem Thema im Schulunterricht ist mir in sehr guter Erinnerung geblieben und hat mich im Umgang mit der Schöpfungsgeschichte bis in mein Theologiestudium hinein wesentlich geprägt. Ich bin dadurch weder Kreationist, noch Fundamentalist geworden. Ich habe es vielmehr gerade deshalb gelernt, die vor 2500 Jahren entstandene biblische Schöpfungsgeschichte in ihrem historischen Kontext zu sehen und zu verstehen. Sie ist Bestandteil unserer Wissenschaftsgeschichte, auch wenn das einige Politiker offensichtlich aus ideologischen Gründen nicht gerne hören. Ich erkläre meinen Schülern im Religionsunterricht sogar, dass der erste Schöpfungsbericht der Beginn der Forschung über die Evolution darstellt und dafür gibt es gute Gründe. Es ist nämlich in der theologischen Wissenschaft (die in der Debatte leider wohl nicht als Wissenschaft wahrgenommen wird) durchaus deutlich, dass der erste Schöpfungsbericht der Bibel (Gen. 1,1-2,4a) eine Zusammenfassung der damaligen naturwissenschaftlichen Beobachtungen darstellt. Die Grundlinien einer Evolutionstheorie sind darin (damit hat Karin Wolff Recht!) bereits enthalten. Naturwissenschaftler, die das nicht hören wollen, schneiden sich von ihren eigenen wissenschaftstheoretischen Wurzeln ab und glauben offensichtlich, dass erst die Neuzeit überhaupt wissenschaftliche Erkenntnisse und Fortschritte zustande gebracht habe. Sie leisten mit dieser Verleugnung der alten Kollegen aus grauer Vorzeit dem Kreationismus und Fundamentalismus gerade Schützenhilfe, anstatt in kritischer Würdigung die Leistungen der Alten zu sehen.

Übrigens mit der Vermischung von Staat und Kirche hat das Ganze natürlich sachlich gesehen überhaupt nichts zu tun, mit diesen Bezugnahmen entlarven die Wolffkritiker vielmehr ihre eigenen ideologischen Interessen, die offensichtlich ganz anders gelagert sind und mit einer sachlichen Auseinandersetzung über das Thema nichts zu tun haben.

Für eine kritische Urteilsbildung und ganzheitliche Sichtweise der Welt scheint mir jedenfalls gerade angesichts der aktuellen Diskussion eine Auseinandersetzung mit diesen Gegensätzen nicht nur im Religionsunterricht gerade ein Gebot der Stunde zu sein. Die Kritiker beweisen nämlich nichts anderes als die absolute Notwendigkeit, diese Diskussion auch im Fach Biologie zu führen, damit Schülerinnen und Schüler zu kritischen und selbst denkenden Bürgerinnen und Bürgern erzogen werden.

Dass diese Diskussion zwischen Naturwissenschaft und Glaube in unserer Gesellschaft viel zu wenig geführt wird, hat nämlich längst zu einem naturwissenschaftlichen Fundamentalismus geführt, dessen Weltsicht für unsere Schöpfung schon jetzt ein erhebliches Gefahrenpotential darstellt. Die aktuellen Gefährdungen unserer Umwelt sind dafür als Beleg zu sehen. Würde nämlich die Naturwissenschaft der Schöpfung einen ähnlichen Respekt entgegenbringen, wie die Kollegen vor 2500 Jahren, dann wären wir sorgsamer und bewahrender mit unseren natürlichen Lebensgrundlagen umgegangen.

Matthias Welsch, Pfarrer

 

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